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ICON Kariesinfiltration: Kariesbehandlung und Ästhetik ohne Bohren

Die Zahnmedizin hat in den letzten Jahrzehnten einen bemerkenswerten Wandel vollzogen. Lange Zeit prägte der Grundsatz „Extension for Prevention" (Ausdehnung zur Vorbeugung) die Kariestherapie, was bedeutete, dass oft erhebliche Mengen an gesunder Zahnsubstanz mit dem Bohrer entfernt werden mussten, um eine Füllung stabil im Zahn zu verankern. Heute steht die minimalinvasive und biologisch erhaltende Zahnheilkunde im Vordergrund.

Eine der innovativsten Entwicklungen in diesem Bereich ist die Kariesinfiltration, bekannt unter dem Systemnamen ICON. Diese Methode, die in Zusammenarbeit der Charité Berlin, der Universität Kiel und dem Dentalhersteller DMG entwickelt wurde, schließt die therapeutische Lücke zwischen reinen Präventivmaßnahmen (wie der Fluoridierung) und der traditionellen, invasiven Füllungstherapie.

Dieser Beitrag beleuchtet detailliert, wie die ICON-Infiltration funktioniert, für wen sie geeignet ist, wie der Behandlungsablauf aussieht und welche medizinischen sowie ästhetischen Vorteile sie bietet.

Was ist die ICON Kariesinfiltration und wie funktioniert sie?

Um die Funktionsweise von ICON zu verstehen, ist ein kurzer Blick auf die Entstehung von Karies hilfreich. Karies beginnt nicht sofort mit einem sichtbaren „Loch" im Zahn. Wenn kariesverursachende Bakterien in der Plaque (Zahnbelag) Nahrungszucker verstoffwechseln, produzieren sie organische Säuren. Diese Säuren senken den pH-Wert und lösen wichtige Mineralien wie Kalzium und Phosphat aus dem Zahnschmelz heraus.

In diesem frühen Stadium bleibt die äußerste Schicht des Zahnschmelzes paradoxerweise oft noch intakt (die sogenannte pseudo-intakte Oberflächenschicht), während sich darunter im Körper der Läsion mikroskopisch kleine Hohlräume und Poren bilden. Das Porenvolumen kann in diesem Bereich auf bis zu 25 % ansteigen.

Hier setzt die ICON-Therapie an. Anstatt den Zahn aufzubohren, wird ein speziell entwickelter, extrem flüssiger Kunststoff (ein sogenannter Infiltrant auf Basis von TEGDMA-Monomeren) auf den Zahn aufgetragen. Getrieben durch physikalische Kapillarkräfte wird dieses Harz tief in das Porensystem des demineralisierten Zahnschmelzes gesogen. Es dringt bis zu 800 Mikrometer tief in den Defekt ein, füllt die mikroskopischen Hohlräume auf und härtet dort aus.

Das Ergebnis: Das Porensystem wird von innen versiegelt, die Diffusionswege für kariesverursachende Säuren werden blockiert und das Fortschreiten der Karies wird effektiv gestoppt.

Medizinische Indikationen: Wann ist die Infiltration sinnvoll?

Die ICON-Methode ist nicht für jedes Stadium der Karies geeignet, sondern zielt spezifisch auf Läsionen im Früh- und Zwischenstadium ab. Die zahnmedizinische Diagnostik entscheidet, ob ein Zahn für dieses Verfahren infrage kommt. Grundsätzlich gibt es zwei primäre Einsatzgebiete:

1. Beginnende Karies in den Zahnzwischenräumen (Approximalkaries)

Die Bereiche zwischen den Zähnen sind bei der täglichen Mundhygiene oft schwer mit der Zahnbürste zu erreichen. Hier entsteht Karies besonders häufig. Mithilfe von speziellen Röntgenaufnahmen (Bissflügelaufnahmen) kann unser zahnmedizinisches Team erkennen, wie tief eine Entmineralisierung bereits fortgeschritten ist.

Die Infiltration ist indiziert für Läsionen, die sich in der äußeren (E1) oder inneren (E2) Hälfte des Zahnschmelzes befinden, sowie für Läsionen, die gerade erst das äußere Drittel des darunterliegenden Zahnbeins (Dentin, Stadium D1) erreicht haben. Ist die Karies bereits tiefer in das Zahnbein vorgedrungen (D2 oder D3) oder ist die Zahnoberfläche bereits eingebrochen (Kavitation), ist die Infiltration als alleinige Therapie nicht mehr ausreichend und eine traditionelle Füllung wird notwendig.

2. Ästhetische Behandlung von White Spots auf den Glattflächen

Neben der Kariesprävention bietet ICON hervorragende kosmetische Eigenschaften zur Behandlung von weißen, kreideartigen Flecken auf den Frontzähnen. Diese sogenannten White Spots können verschiedene Ursachen haben:

Nach kieferorthopädischer Behandlung: Sehr häufig entstehen diese Läsionen rund um die Brackets von festen Zahnspangen, da sich dort Plaque leicht ansammelt und schwer entfernen lässt.

Milde bis moderate Fluorose: Ein Überschuss an Fluorid während der Zahnentwicklung kann zu einer Untermineralisierung unter der Schmelzoberfläche führen.

Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH): Diese entwicklungsbedingten Strukturstörungen der Zähne führen oft zu optisch störenden Flecken und einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit. Die Infiltration kann hier die Optik verbessern und die Empfindlichkeit reduzieren.

Traumatische Hypomineralisation: Schmelzdefekte an bleibenden Zähnen, die durch eine Verletzung des Milchzahns in der Kindheit verursacht wurden.

Die Physik hinter der Ästhetik: Warum verschwinden die weißen Flecken?

Patienten fragen sich oft, wie ein transparenter Kunststoff weiße Flecken unsichtbar machen kann. Die Antwort liegt in der Physik der Lichtbrechung.

Gesunder Zahnschmelz hat einen bestimmten Brechungsindex (ca. 1,62), was ihm sein natürliches, leicht durchscheinendes (transluzentes) Aussehen verleiht. Wenn der Schmelz durch Säuren demineralisiert wird, füllen sich die entstandenen Poren mit Wasser oder Luft. Luft hat einen Brechungsindex von 1,0, Wasser von 1,33. Dieser große Unterschied zum gesunden Zahnschmelz führt dazu, dass das einfallende Licht an den Poren stark gestreut wird – der Bereich erscheint für das menschliche Auge als undurchsichtiger, kreideartiger weißer Fleck.

Das ICON-Harz besitzt einen Brechungsindex von 1,51, der dem von gesundem Zahnschmelz sehr nahekommt. Wenn der Kunststoff in die Poren eindringt und die Luft verdrängt, wird die unnatürliche Lichtstreuung drastisch reduziert. Das Licht kann wieder ähnlich wie bei gesundem Schmelz durch den Zahn dringen. Der weiße Fleck verblasst und passt sich optisch harmonisch an die umgebende Zahnsubstanz an.

Der Ablauf der ICON-Behandlung

Ein großer Vorteil für Patienten ist der entspannte und schmerzfreie Ablauf der Behandlung. Da nicht gebohrt wird, ist in der Regel keine lokale Betäubung (Spritze) erforderlich. Die Behandlung erfolgt nach einem präzisen, wissenschaftlich fundierten Protokoll und ist meist in einer Sitzung von etwa 30 bis 60 Minuten abgeschlossen.

1. Vorbereitung und Trockenlegung: Zunächst wird der betroffene Zahn gründlich gereinigt. Um den Erfolg der Therapie zu gewährleisten, muss das Arbeitsfeld absolut trocken sein, da Feuchtigkeit das Eindringen des Harzes verhindern würde. Daher wird ein medizinisches Spanngummi (Kofferdam) oder ein lokaler Schutz (MiniDam) angelegt.

2. Vorbehandlung (Ätzen): Wie zuvor erwähnt, besitzt Karies im Frühstadium oft eine dichtere Oberflächenschicht. Um Zugang zum porösen Körper der Läsion zu erhalten, wird ein spezielles 15%iges Salzsäure-Gel (Icon-Etch) aufgetragen. Diese Säure öffnet die Poren schonend. Nach etwa zwei Minuten wird das Gel gründlich abgespült.

3. Trocknung und optische Kontrolle: Anschließend wird der Zahn mit einer hochprozentigen Alkohollösung (Icon-Dry, 99 % Ethanol) und Luft getrocknet. Dieser Schritt entzieht den Poren das restliche Wasser. Bei der Behandlung von Glattflächen dient dieser Schritt auch der visuellen Vorschau: Wenn der weiße Fleck durch den Alkohol verblasst, ist erkennbar, dass die Poren ausreichend geöffnet sind. Ist der Fleck noch deutlich sichtbar, kann der Ätzschritt bei Bedarf bis zu zweimal wiederholt werden, um tieferliegende Schichten zu erreichen.

4. Die Infiltration: Nun wird das flüssige Kunststoffharz (Icon-Infiltrant) aufgetragen. Es benötigt etwa drei Minuten, um durch die Kapillarkräfte tief in das Innere der Läsion einzudringen. Überschüssiges Material wird vorsichtig entfernt, und der Kunststoff wird mit einer zahnmedizinischen UV-Lampe für 40 Sekunden ausgehärtet.

5. Zweite Infiltration und Politur: Da Kunststoffe bei der Aushärtung mikroskopisch leicht schrumpfen, wird das Harz ein zweites Mal für eine Minute aufgetragen und erneut lichtgehärtet, um eine vollständige und dichte Versiegelung zu garantieren. Abschließend wird die Zahnoberfläche auf Hochglanz poliert, um Plaqueanlagerungen in der Zukunft zu erschweren.

Die Vorteile gegenüber traditionellen Methoden

Die Kariesinfiltration positioniert sich genau zwischen den klassischen Präventionsmaßnahmen und der invasiven Reparaturmedizin. Daraus ergeben sich deutliche Vorteile gegenüber anderen Ansätzen:

Gegenüber der Bohrer-Füllung-Therapie: Die traditionelle Füllung erfordert den Abtrag von gesundem Zahnschmelz, um Zugang zur Karies zu schaffen. ICON bewahrt die natürliche Zahnstruktur vollständig, schwächt den Zahn nicht mechanisch und verlängert so die Lebensdauer des natürlichen Zahns. Zudem entfallen die oft gefürchteten Begleiterscheinungen wie das Bohrergeräusch und die Betäubung.

Gegenüber Fluoridlacken: Fluorid wirkt primär oberflächlich und fördert die Remineralisation der alleräußersten Schicht. Es kann jedoch nicht tief in den bereits porösen Läsionskörper eindringen und bietet keinen mechanischen Verschluss. Zudem kann Fluorid die Optik von bestehenden weißen Flecken nicht verbessern.

Gegenüber Silberdiaminfluorid (SDF): SDF ist ein hochwirksames Mittel zum Stoppen von Karies, führt jedoch systembedingt zu einer permanenten, schwarzen Verfärbung der behandelten Stelle. Dies ist im sichtbaren Bereich der Frontzähne für die meisten Patienten ästhetisch nicht akzeptabel. ICON stoppt die Läsion effektiv und stellt gleichzeitig die natürliche Ästhetik wieder her.

Klinische Langzeitstudien (Meta-Analysen über Zeiträume von bis zu sieben Jahren) belegen die hohe Wirksamkeit der Infiltration. Bei Approximalkaries konnte das Risiko für ein Fortschreiten der Läsion im Vergleich zu unbehandelten Kontrollgruppen um 60 % bis 80 % gesenkt werden.

Grenzen, Risiken und Voraussetzungen

Trotz der herausragenden Eigenschaften hat auch die Kariesinfiltration ihre medizinischen Grenzen, über die wir unsere Patienten transparent aufklären.

Wie bereits erwähnt, ist die Technik nicht für tiefe oder bereits eingebrochene Karies (Kavitäten) geeignet. Sobald das Bakteriennetzwerk die Schmelzbarriere tief durchbrochen hat, reicht eine Versiegelung nicht mehr aus.

Ein weiteres Merkmal der Behandlung ist ihre Techniksensitivität. Der Erfolg steht und fällt mit der absoluten Trockenlegung des Zahns. Wenn Speichel oder Feuchtigkeit während des Prozesses an den Zahn gelangen, kann das Harz nicht eindringen und die Behandlung schlägt fehl. Aus diesem Grund ist die Kooperation des Patienten (insbesondere bei sehr kleinen Kindern) wichtig, um den Kofferdam sicher positionieren zu können.

Als Nebenwirkung kann es unmittelbar nach der Behandlung zu einer leichten, vorübergehenden Empfindlichkeit des Zahns kommen, bedingt durch das Ätzen und Trocknen. Diese Empfindlichkeit legt sich in der Regel innerhalb von 24 bis 48 Stunden. Auch das Zahnfleisch kann durch die Vorbehandlung kurzzeitig leicht gereizt oder weißlich verfärbt sein, was jedoch harmlos ist und schnell abklingt.

Es ist zudem wichtig zu verstehen, dass die ästhetischen Ergebnisse bei tiefen Entwicklungsstörungen (wie schwerer MIH oder ausgeprägten Traumata) variieren können. Obwohl eine deutliche Besserung in fast allen Fällen erzielt wird, kann ein zu 100 % unsichtbares Verblenden bei sehr tiefen Strukturdefekten nicht immer garantiert werden.

Pflegehinweise: Was ist nach der Behandlung zu beachten?

Nach Abschluss der Behandlung gibt es keine wesentlichen Einschränkungen im Alltag, jedoch empfehlen wir für die ersten 24 bis 48 Stunden einige Verhaltensregeln, um das bestmögliche kosmetische Ergebnis zu sichern:

Ernährung: Verzichten Sie in den ersten Tagen auf stark färbende Lebens- und Genussmittel. Dazu gehören dunkle Beeren, Kaffee, schwarzer Tee, Rotwein, Sojasauce oder stark säurehaltige Getränke.

Aufhellende Zahnpasten: Wir raten dringend davon ab, sogenannte „Whitening"-Zahnpasten mit aggressiven Putzkörpern (hoher RDA-Wert) zu verwenden. Diese können die auf Hochglanz polierte Oberfläche des Kunststoffs anrauen, was den Zahn auf Dauer anfälliger für neue Verfärbungen macht.

Bleaching: Falls Sie planen, Ihre Zähne professionell aufhellen zu lassen (Bleaching), ist es ratsam, dies vor der ICON-Behandlung durchzuführen. So kann die Infiltration farblich exakt an den neuen, helleren Zahnschmelz angepasst werden. Ein Bleaching ist auch nach der Infiltration möglich, da das Bleichgel durch das Harz in den darunterliegenden Schmelz dringen kann, die Ergebnisse sind in der Vorab-Planung jedoch besser steuerbar.

Medizinischer Hinweis: Die ICON-Therapie stoppt vorhandene Kariesläsionen effektiv, ist jedoch kein Freifahrtschein für nachlässige Mundhygiene. Ohne regelmäßiges Zähneputzen, die Reinigung der Zahnzwischenräume (mit Zahnseide oder Interdentalbürsten) und regelmäßige zahnärztliche Kontrollen können an anderen Stellen des Zahns neue Kariesläsionen entstehen. Um Ihre Zähne langfristig gesund zu halten, ist eine konsequente häusliche Pflege unerlässlich.

Fazit

Die Kariesinfiltration mit dem ICON-System stellt einen wichtigen Fortschritt in der modernen, minimalinvasiven Zahnmedizin dar. Sie ermöglicht es, Karies in einem frühen Stadium effektiv zu stoppen und störende weiße Flecken ästhetisch ansprechend zu behandeln – all das ohne den Verlust von gesunder Zahnsubstanz, ohne Bohren und ohne Schmerzen.

Ob nach der Entfernung einer festen Zahnspange, bei beginnender Karies im Zahnzwischenraum oder bei leichten Schmelzentwicklungsstörungen: Die Methode bietet eine sichere, wissenschaftlich fundierte und dauerhafte Lösung für ein gesundes und selbstbewusstes Lächeln.

Möchten Sie herausfinden, ob die Kariesinfiltration für Sie oder Ihr Kind die richtige Behandlungsoption ist? Unser zahnmedizinisches Team berät Sie gerne umfassend und individuell. Sprechen Sie uns bei Ihrem nächsten Besuch an oder vereinbaren Sie einen Termin.

FR
Florian Rehm
MEDICAL ART München
01. Mai 2026
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